Language includes some noises which,
first heard,
Cleave us between belief and disbelief.
The word America is such a word.
(William Meredith)

An enemy of the people? Zur Kritik des deutschen Antiamerikanismus

Beinahe einhundert Jahre liegt die erste militärische Intervention der Vereinigten Staaten auf dem europäischen Festland mittlerweile zurück: Sie war der Auftakt zu einem ‚amerikanischen Jahrhundert‘, in dessen Verlauf die USA Deutschland zweimal militärisch bekämpften und im Anschluss daran ökonomisch und politisch wieder aufzubauen halfen. Führte die politische Öffentlichkeit Weimars noch eine lebhafte Debatte über die Implikationen der Moderne und damit letztlich über das deutsche Verhältnis zu Amerika, hatte sich nach dem Inferno des zweiten Weltkriegs und der von den Deutschen selbst proklamierten ‚Stunde Null‘ 1945 eine solche Diskussion mangels Alternativen zur Integration in die transatlantische Bündnispolitik in der westlichen Besatzungszone erübrigt; die USA engagierten sich von nun an finanziell, militärisch und politisch im bisher umfassendsten ‚nation building‘-Projekt ihrer Geschichte, der Schaffung der Bundesrepublik.
Der Antiamerikanismus war dabei immer ein Vehikel eigener, deutscher Identitätsbildung: In der Diskussion über Amerika und ‚Amerikanisierungstendenzen‘ im öffentlichen Leben, im ökonomischen Sektor oder in der Populärkultur sollte sich immer ein davon abweichendes, genuin deutsches Selbstverständnis spiegeln und Artikulation finden. War der Antiamerikanismus in Weimar vor allem noch ein Steckenpferd der rechten und reaktionären Kreise gewesen, kamen seine Wiedergänger in der Bundesrepublik nun zunehmend von beiden Seiten des politischen Spektrums: Franz-Josef Strauß und Rudi Dutschke waren politische Antipoden, doch sie benutzten ’68 ihre Kritik an den USA beide in derselben funktionalistischen Weise. In Strauß evozierte die ökonomische Dominanz der USA den Wunsch, der „Bedrohung durch die wachsende Überlegenheit der USA“ eine gesamteuropäische Antwort entgegen zu stellen, während Dutschke und seine politischen Nachfahren aus einer durchaus analogen Feststellung ganz anderes schlussfolgerten, nämlich die Aufgabe, die „Macht der imperialistischen Militärmaschinerien“ zu schwächen – die USA waren der filmreife Erzfeind für jeden guten Antiimperialisten. Keine 25 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs lief die Studentenbewegung unter der absurden Parole ‚USA – SA – SS‘ gegen den Vietnamkrieg Sturm, in den siebziger Jahren sprengte die Rote Armee Fraktion noch vor den Morden an Buback, Ponto und Schleyer amerikanische Soldaten in die Luft und die neuen sozialen Bewegungen phantasierten im darauffolgenden Jahrzehnt den baldigen Ausbruch eines Atomkriegs – natürlich verursacht durch die USA – herbei. Die USA sind ihren Feinden der „ideale Sündenbock“ (L. Marcuse): Sie verbreiten weltweit ihre ‚materialistische Kultur‘ und die dazugehörigen Konsumwaren, während die US Army als militärische Speerspitze des vermeintlich omnipräsenten US-Imperialismus ein autochthones Volk nach dem nächsten unterjocht, angetrieben von einer rätselhaften, im Hintergrund agierenden Macht, die auf geschickte Art und Weise Wall Street und den ‚militärisch-industriellen Komplex‘ miteinander verbindet.

Als zehn Jahre nach dem Mauerfall zwei Flugzeuge in die Twin Towers rasten, sicherte Bundeskanzler Schröder den USA von deutscher Seite „uneingeschränkte Solidarität“ zu, doch schon kurz darauf war davon nicht mehr viel zu spüren: Stattdessen wurde Amerikakritik, vor allem wegen des war on terror, den die Bush-Administration nun ausrief, auch im gesellschaftlichen Mainstream wieder en vogue: Ein Kabinettsmitglied verglich den amerikanischen Präsidenten mit Hitler, Popmusiker vertonten ihre wenig erbaulichen Gedanken zu den USA und Verschwörungstheorien in Bezug auf 9/11 verhalfen diesem Fantasy-Genre zu seiner x-ten Wiedergeburt, während sich ganz nebenbei innerhalb der radikalen Linken die Frage um die Bewertung Amerikas dramatisch zuspitzte. Und sein abermaliges Revival erlebte das antiamerikanische Ressentiment jüngst im Zuge der so genannten Finanzkrise, dessen Schuldige – mal wieder – in einer bekannten Strasse in Downtown Manhatten zu finden seien.

Im Vortrag soll der problematische deutsche Blick auf Amerika und damit auf die Moderne im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert nachgezeichnet werden. Hierbei richtet sich der Fokus vor allem auf wiederkehrende Argumentationslinien in der deutschen Amerikakritik, ohne jedoch die wesentlichen Brüche und die mit ihnen verbundenen Neubewertungen – 1929, 1945, 1967 und 2001 – aus dem Blick geraten zu lassen. Nicht verschwiegen werden soll dabei auch eine wesentliche Ambivalenz in der Amerikarezeption: Allzu oft ist der Kampf gegen Amerika einer, der letztlich mit ‚amerikanischen‘ Methoden geführt wird – denn der transatlantische Transfer von kulturellen Mustern und ökonomischen Organisationsformen, Kennzeichen dessen, was heutzutage gern mit dem Schlagwort ‚Globalisierung‘ umschrieben wird, war schon in den 1930er Jahren irreversibel.