Zur Kritik des Marxismus-Positivismus von MG und Gegenstandpunkt

Sicherlich hat sowohl die Welt als auch die deutsche Linke Schlimmeres hervorgebracht als die selige »Marxistische Gruppe« und ihr Nachfolgeprojekt, die Zeitschrift Gegenstandpunkt. Ihre Anhänger betreiben weder Globalisierungskritik noch Volxküchen, kritisieren Linksnationalismus und Proletkult und haben auch für Demokratie, Menschenrecht, Weltfrieden und ähnlich Herzerwärmendes nicht arg viel übrig. Wenn es aber allemal Schlimmeres gibt, so doch wenig Nervigeres als die patenten Jungs mit dem unverwechselbaren Jargon. Denn mögen sie auch noch so ernsthaft Theorie betreiben – heraus kommt stets nur die sattsam bekannte Armada zeitlos »tauglicher Argumente«, welche, einmal eingeleuchtet, sich zu jedem nur denkbaren Gegenstand (und am besten im Dialekt der bayrischen Chefdenker) abspulen lassen.
Das große Versprechen des GSP, mit ein paar Schulungen direkten Wegs zum absoluten marxistischen Wissen, bezeichnet eben zugleich seine größte Schwäche. Das vollständige System der kapitalistischen Gesellschaft, fertig ausgebreitet auf ein paar hundert Seiten »Resultate«-Bände, eliminiert notwendig jeden Begriff vom Kapital als prozessierenden Widerspruch. Was dem Rechnung trägt, die dialektischen Kategorien der »Realabstraktion« und der »negativen Vergesellschaftung«, gar die paradoxe Rede von den »metaphysischen Mucken der Ware« und vom Kapital als »automatischem Subjekt«, kann der GSP, weil es in seinen Kategorienapparat nicht passt, bloß noch als ‚Dichtung‘ denunzieren. Weil das Kapital aber, ob‘s dem Gegenstandpunkt passt oder nicht, prozessierender Widerspruch ist, zerlegt es noch das ausgeklügelteste System. Genau dafür hat auch der GSP seinen deus ex machina: den Staat. Die gleichen, die eben noch, völlig zurecht, die ML-Linken für ihr verschwörungstheoretisches Geraune von den Machenschaften der Kapitalistenklasse mit Hohn und Spott eindeckten, führen nun selber das souveräne Herrschaftssubjekt vor, das schurkisch seine »Grundsatzentscheidung für den Klassengegensatz« (GSP 1/94) trifft. Wo der Staat aber sein Werk treibt, ist fürs Kapital als gesellschaftliches Verhältnis kein Platz mehr. Ganz folgerichtig wird es reduziert auf den durch staatliche Gewalt gedeckten Besitztitel: auf Privateigentum. Auch dem GSP gilt Ausbeutung, ganz traditionell, als nichts denn als juristischer Auschluss der vielen von dem von ihnen produzierten Reichtum – als Grund zur moralischen Empörung über die staatlich organisierte Ungerechtigkeit.
Und wie der stoffliche Reichtum bloß von seiner juristischen Form, muss auch der Untertanenkopf bloß von seinen falschen, weil untauglichen Argumenten befreit werden. Die Arbeiter, so der ewige Sermon, sollen einsehen, dass der Staat kein gescheites Mittel für die eigenen Zwecke sei und der Lohn immer zu wenig. Dass, wie Marx es wusste, die Menschen unterm Kapital sämtlichst auch sinnlich depraviert werden, elende und verächtliche Wesen sind, erscheint dem GSP als bloßer Defaitismus: Ihm zufolge wollen sie so, wie sie sind, eigentlich immer schon das Richtige, sie wissen es nur noch nicht.
Der GSP-Theoretiker nimmt daher geradezu naturwüchsig die Position des Drüberstehers ein, des Intellektuellen als Souverän – aber eines Souveräns des gesunden Menschenverstands. Und wie jeder gesunde Menschenverstand explodiert auch dieser, wo er sich in Frage gestellt sieht: durch Refl exion und Introspektion, d.h. Philosophie und Psychoanalyse. Der Stammtischjargon von »Miezen« und »Negern« und dem »ganzen Judenzeugs« ist daher kein Exzess, sondern der Gegenstandpunkt selber: die ressentimenthafte Bekundung, sich von dem nicht tangieren zu lassen, was in seiner Mischung aus positivem System und common sense partout nicht aufgehen will.