Von der „unsichtbaren Hand“ der Klassik über das „Sozialstaats“-Konzept zur „postnationalen Konstellation“. Einführung in materialistische Staatskritik.

Der moderne Nationalstaat ist bekanntlich ein sehr junges Geschichtsprojekt, das ursprünglich regional recht beschränkte Verbreitung hatte. Wie konnte angesichts dessen dieser geschichtliche Neuankömmling sich so schnell über den ganzen Erdball verbreiten? Und das in einer alle Handlungen direkt oder indirekt bestimmenden Weise? Von den in seinem Namen geführten Kriegen und Ausschlüssen hängt zweifellos noch heute das Schicksal aller Menschen ab. Bemerkenswert ist auch seine Wandlungsfähigkeit: Waren die Begriffe Staat, Nation und Nationalismus anfangs noch Ausdruck einer Wahlgemeinschaft mit republikanisch-aufklärerischen Forderungen, veränderten sie sich rasch zur Rede von Obrigkeitsprinzip und Blutsgemeinschaft. Undenkbar ist jedoch die Gliederung der Welt in Nationalstaaten ohne die Geschichte des Kapitalismus – ein Zusammenhang, den schon Karl Marx erkannte, ihn aber nicht mehr ausformulierte. Seither existieren unterschiedliche materialistische Bestimmungsversuche des Verhältnisses Staat – Nation, die von der Kritischen Theorie, Staatsableitungsdebatte und Zivilgesellschaftstheorien bis hin zu Historikern wie Benedict Anderson und Eric Hobsbawn reichen.

Die Veranstaltung soll in diesen Zusammenhang einführen und Fragen aufwerfen wie: Was sind Elemente einer sinnvollen materialistische Verhältnisbestimmung von Staat und Nationalismus? Was eint den republikanischen und den völkischen Nationalismus, was unterscheidet sie? Sind nationale Mentalitäten kontinuierlich oder sind sie durch Wertverwertung in ständiger Umwälzung? Welche Auswirkungen haben Trends zu Einwanderungsgesellschaften und zur Internationalisierung von Staatlichkeit?

Oliver Barth promoviert an der Leibniz Universität Hannover und veröffentlicht unter anderem in jungle world und Phase2.