Illusion, Wahrheit, Wirklichkeit:
Religion als Symptom – Psychoanalytisches Miniaturbild des Materialismus

Fest steht: Es gibt weniger Nicht-Gläubige als ReligionsanhängerInnen auf der Welt.
Sicher nicht ganz falsch ist die vulgärmarxistische Feststellung, Religion im Allgemeinen halte die Leute zugunsten des Festhaltens an einer ideologischen, illusionären Weltsicht davon ab, ihre Bedürfnisbefriedigung vernünftig zu organisieren. Offensichtlich ist auf jeden Fall, dass Religion Ideologie liefert, verschiedene, jeweils für andere mehr oder weniger gefährliche, Arten der Befriedigung von Bedürfnissen zu begründen, die nicht vernünftig sind: von dem Bedürfnis zu beichten über Klitorisbeschneidungen hin zu antisemtischen Pogromen. In meinem Vortrag möchte ich im Zuge einer kritischen Reflexion der Freudschen Religionskritik auf einige ganz allgemeine Voraussetzungen materialistischer Religionskritik eingehen. In einer Konfrontation des Freudschen Symptombegriffs mit seinem Wissenschaftsverständnis soll Folgendes gezeigt werden: Eine Kritik, die der Religion vorhält, dass hier der ‚fromme Wunsch‘ und nicht ‚die Wirklichkeit‘ Vater des Gedankens ist, wird selbst religiös. Anders formuliert: Hier liegt die positivistische Illusion vor, die wünscht, den Gedanken mit der Wirklichkeit eins werden zu lassen. Dadurch macht sich das Denken zum Sklaven des Tatsächlichen und mitnichten die Vernunft zum Vater des Gedankens, der dem diesem inhärente Wünschen eingedenk bliebe. Anstatt dem Gläubigen eine Vernunft abzuverlangen, die die Wirklichkeit noch nicht hat, wäre wünschende Vernunft zu verwirklichen. Zum Beispiel über die Frage, inwiefern sich positivistische Religionskritik nicht dazu eignet, eine Kritik an den spezifischen Formen religionsgeleiteten Ressentiments zu üben, könnte man im Anschluss diskutieren.