Über das Nachleben des Faschismus in der Demokratie
Vortrag von Stephan Grigat

Die Begriffe „Postfaschismus“ und „Postnazismus“ versuchen die Tatsache zu fassen, daß 1945 zwar das Morden geendet hat, aber nicht die viel beschworene „Stunde Null“ stattfand. Die nachfaschistischen und nachnationalsozialistischen Demokratien haben Struktur- und Ideologieelemente des Faschismus und des Nationalsozialismus in sich aufgenommen. Als Begriffe der Kritik zielen Postfaschismus und Postnazismus auf die modifizierte Fortsetzung faschistischer und nationalsozialistischer Ideen in der und durch die Demokratie. Der Nationalsozialismus hat gezeigt, wie Erfolg versprechend die Mobilisierung einer antikapitalistischen Revolte zur Rettung des Kapitals sein kann. Zum Zwecke der Krisenlösung schwangen sich die Deutschen zu einer groß angelegten, von Ressentiment und Haß getriebenen, wahnhaften Verteidigung des vermeintlich Konkreten und Natürlichen vor dem Abstrakt-Künstlichen in der kapitalistischen Gesellschaft auf. Im Vernichtungsantisemitismus vollzog sich die negative Aufhebung des Kapitals – eine fetischistische Revolte gegen das Kapital auf seiner eigenen Grundlage.
Das sich in dieser konformistischen Revolte artikulierende regressive Bedürfnis artikuliert sich heute unter anderem in jenem moralisierenden Antikapitalismus, wie er mit unterschiedlichen Ausprägungen für linke Globalisierungskritiker und rechte Kulturkämpfer, christliche Moralisten und islamische Faschisten, Nazis und andere Antiimperialisten typisch ist. Eine der zeitgemäßen Erscheinungsformen postnazistischer Normalität ist die Delegitimierung Israels, wie sie beispielsweise in einstimmigen Bundestagsbeschlüssen gegenüber dem jüdischen Staat zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig weigern sich die Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus bis heute beharrlich, konsequent gegen Antisemitenregime wie jenes in Teheran vorzugehen.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Uni Wien, Autor von Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus (ça ira 2007), Herausgeber u.a. von Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus (ça ira 2006) und Mitherausgeber u.a. von Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung (Studienverlag 2010).