Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Mit diesen Worten fassen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer 1944 die Erfahrung zusammen, dass die beabsichtigte Befreiung der Menschheit aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit in eine neuartige Versklavung einmündete; dass sich die Menschheit einer allein technisch-rationellen Vernunft ausgeliefert haben unter dessen Übergewicht sie nun zu verschwinden droht.

Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Diese Zeilen gehen der oben stehenden Diagnose voran. Und dies Ziel, von den Menschen die Furcht zu nehmen, hat mit kaum zu bändigender Emphase die aufgeklärt-bürgerliche Welt verfolgt. Dabei gibt sie recht eigentlich vor, die Mittel und Möglichkeiten zu entwerfen, um die Menschen vom Naturzwang, dieser uralten Quelle von Furcht, zu befreien. Weit entfernt Mittel und Möglichkeiten diesem Zweck zu unterwerfen, bleibt die bürgerliche Welt aber ihren Mitteln unterworfen, veranstaltet von sich aus Zusammenbruch und Ruin, Armut und Obdachlosigkeit, als wären es Naturzwänge. So richten die Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, schließlich jenen erstarrten, fremdgewordenen, die Innerlichkeit nicht mehr erweckenden Sinneskomplex gegen die Menschen auf. Damit nicht genug: Die unendliche Plusmacherei, mit der die Menschen sich nur angespannt von Natur distanzierten, sorgt dafür, dass die einmal entzaubert geglaubte Welt sich wiederverzaubert.

Diese Dialektik nicht zu erkennen, ist die Sehschwäche einer Aufklärung, die stets nur versuchte, den Naturzwang zu brechen, indem sie Natur bricht. Die Natur aber lässt sich nicht austreiben. Eigensinnig kehrt sie wieder und führt noch jedes Experiment ihrer vermeintlichen Herren und Eigentümer ad absurdum. Sie beharrt, gleichviel ob in der wissenschaftli-chen Betriebsführung oder als winziges Gramm Atommüll, auf ihrer Nicht-Identität. Und die lässt sich nicht auflösen, weder im Atomstaat noch in der Risikogesellschaft; weder kalkulatorisch im Rechenexperiment noch polizeilich mit Wasserwerfer und Gummiknüppel. Ebensowenig aber führen aus dieser Dialektik die jetzt überall wieder laut werdenden Verzichtsdebatten heraus. Der Ruf, die Gier zu bezwingen, erliegt, ganz ähnlich dem Plädoyer für einen green new deal, bloß abermals dem Fetischcharakter der Ware. Über den engen Gesichtskreis von x Ware A = y Waren B sind beide nicht hinaus.

Was indes möglich wäre, ist die konkrete Utopie einer Allianztechnik, mit der die Gewalt gegen die Menschen und die Natur gleichermaßen ein Ende fände. Dann aber wäre Natur nicht länger das die Menschen schreckende; ebensowenig das vom Menschen nur blind zu unterjochende. Erst wenn die Menschheit sich einmal mit den Fragen nach Vernunft und Selbsterhaltung befassen würde, wenn sie sich einmal der Frage widmen würde, ob ihr einziges Ziel tatsächlich darin besteht, mit einer entfremdeten, ziellosen und sich selbst wie die Natur schädigenden Produktivität ihre Bedürfnisse zu befriedigen, erst dann wäre Natur das mit der Menschheit zu versöhnende. Das aber ist nicht als Aufforderung zu verstehen, die Macht von Banken und Konzernen, Ratingagenturen und, früher oder später, die der Zinsknechtschaft zu brechen, sondern der Sprung aus der Geschichte.

Wir werden versuchen nachzuvollziehen, was eigentlich unter diesem schwierigen und umstrittenen Begriff der Naturbeherrschung zu verstehen ist. Hierzu scheint mir ein Rückgriff auf die Verdinglichungskritik Georg Lukács’ hilfreich, nicht allein weil Beherrschung der Natur und Verdinglichung eng zusammenhängen, sondern auch weil damit deutlicher wird, warum diese spezifische Art und Weise der Aneignung des Natürlichen vor allem im modernen Kapitalismus zum Problem wird. Überdies werden wir die Entstehung und Entwicklung des herrschaftlichen Umgangs mit Natur mit der Dialektik der Aufklärung versuchen nachzuvollziehen. Schließlich soll als eine Art Ausblick auch das Projekt einer vernünftigen Einrichtung der Welt im Lichte einer kritischen Theorie über die Naturbeherrschung reflektiert werden.

Zum Referenten:
Dirk Lehmann hat in Duisburg und Bielefeld Soziologie studiert und arbeitet gegenwärtig über den Begriff der Naturbeherrschung der kritischen Theorie. Er schreibt für Phase 2 sowie analyse und kritik.

Literatur:
Theodor W. Adorno: Spengler nach dem Untergang (19 MB), in: ders.: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft, Frankfurt/Main, 1992, S. 43 – 67.

Emile Durkheim/Marcel Mauss: Über einige primitive Formen von Klassifi-kation. Ein Beitrag zur Erforschung der kollektiven Vorstellungen, in: Emile Durkheim: Schriften zur Soziologie der Erkenntnis, Frankfurt/Main, 1993, S. 171 – 177.

Friedrich Engels: Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen (10 MB), in: MEW 20: 444 – 455.

Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/Main, 1995.

Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über Marxsche Dialektik (12 MB), in: ders.: Werke Bd. 2, Frühschriften, Neuwied, Berlin, 1968, S. 257 – 286.

Herbert Marcuse: Das Ende der Utopie. Herbert Marcuse diskutiert mit Studenten und Professoren Westberlins an der FU Berlin, Berlin, 1967, S. 10 – 20.“

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Max Horkheimer/Theodor W. Adorno Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente

1. Macht und Erkenntnis sind synonym
„Die Entzauberung der Welt… Aufklärung ist totalitär“ (S.11f.)
„Aber die Mythen, die… im Kommando“ (S. 14f.)
„Der Mythos geht in die Aufklärung über… fortschreitender Distanz zum Objekt“ (S. 15ff.)
„Die Verdoppelung der Natur… Quelle der Angst“ (S. 21f.)

2. Die Trennung von Zeichen und Bild
„Die Lehre der Priester… Zerstörung der Wahrheit hin“ (S. 23f.)
„Den Abgrund, der bei… Platz zu bekommen“ (S. 24ff.)
Schon wenn die Sprache… Denkformen sich niederschlägt“ (S. 26ff.)
„Die Entfernung des Denkens… Negation des je unmittelbaren“ (S. 32f.)
„Je mehr die Denkmaschinerie… sich zu eigen macht und perpetuiert“ (S. 33f.)

3. Mythos, Aufklärung, Gesellschaft
„Aufklärung zersetzt das Unrecht… Resultat der Aufklärung gezeichnet hat“ (S. 18f.)
„In der aufgeklärten Welt… Muster, die ihr gesetzt sind“ (S. 34f.)
„Vermittelt durchs Prinzip des Selbst… Verlust des eigenen Namens“ (S. 36f.)
„Furchtbares hat die Menschheit… Herrschaft über die Natur“ (S. 40f.)
„Die Absurdität des Zustands… Erzittern vor ihr selbst sich bekennt“ (S. 45ff.)